2014_RBB Abendschau vom 29.06.14 - Kein Platz für Ateliers

Beitrag von Ute Barthel :

http://www.rbb-online.de/abendschau/archiv/20140629_1930/ateliers.html

Studiogast: Christophe Knoch, Sprecher der Koalition der freien Szene

Den Druck auf dem Berliner Wohnungsmarkt kriegen auch immer mehr Künstler zu spüren: Viele Ateliers müssen schließen, weil die Räumlichkeiten zu Wohnungen umgebaut oder Gebäude saniert werden. Im Innenstadtbereich ist jedoch kaum Ersatz zu finden. Das Ergebnis: In der Hauptstadt, die sich so gern mit ihrer Kunstszene rühmt, werden die Künstler an den Rand gedrängt....

2014_ Berliner Zeitung/ 5.6. - ATELIERHAUS MENGERZEILE IN BERLIN-TREPTOW 40 Künstler werden vor die Tür gesetzt / von Mechthild Henneke

Die Künstler im Atelierhaus Mengerzeile in Treptow haben die Kündigung erhalten. Nun wollen sie um ihr Haus kämpfen. In ganz Berlin sind Ateliers knapp.

Ein Geruch von Ölfarbe und Terpentin zieht durchs Treppenhaus. Hinter einer Tür spricht eine Frau über ihren neusten Blog-Eintrag. Das Sirren einer Kreissäge ertönt von irgendwo her. Das Atelierhaus Mengerzeile atmet Geschäftigkeit – und Kunst. Überall ist diese in dem mehr als hundertjährigen Fabrikgebäude in Alt-Treptow greifbar: in Ausstellungs-Einladungen an den Wänden, Farbflecken auf den abgewetzten Treppenstufen, dem Schiff in grüner Landschaft auf einer Postkarte an der Tür zu Matthias Reinmuths Atelier. Die Szene könnte idyllisch aussehen, führe das Schiff nicht unter einer bedrohlich wirkenden groben Stahlbrücke hindurch.

Brüche gehören zum kreativen Prozess. Die ehemalige Piano-Fabrik liefert eine ideale Kulisse dafür. Seit 1993 ist das Gebäude die Arbeitsstätte von rund 40 Künstlern. Im Bezirke-Dreieck von Treptow, Neukölln und Kreuzberg gelegen, wirkt der Ort wie eine Insel der Kreativen in einem Kiez aus Mietshäusern und Brachen.

Doch möglicherweise neigt sich diese kreative Zeit dem Ende zu, oder wie Reinmuth es formuliert: „Was in den 20 Jahren hier existiert hat, Künstler aus der ganzen Welt, hat man versemmelt.“ Die Künstler haben von den Besitzern des Hauses die Kündigung erhalten. Das Haus soll verkauft werden – aber nicht an die Künstler.

Hoffen auf ein Jahr Aufschub

Der Verein Mengerzeile, der die Maler, Bildhauer und Videokünstler vertritt, hat gegen die Kündigungen geklagt. Bis ins nächste Jahr hoffen die Künstler dank des Rechtsstreits bleiben zu können. Doch Reinmuth ist nicht sehr optimistisch. In ganz Berlin verlören Künstler derzeit ihre Arbeitsstätten, sagt er: „Dabei zehrt Berlin doch davon, dass es sich als Kunst- und Kulturstadt verkauft.“ In der Kunsthalle M 3, die zum Atelierhaus gehört, hängen derzeit zwei Bilder des 39-Jährigen, der in Berlin studiert hat und seit 2003 im Atelierhaus arbeitet.

Es sind großformatige Acrylbilder, die zwischen „Nacht und Universum“ angesiedelt sind, wie er sagt. In dünnen Lasuren hat er die Farbschichten aufgetragen, die oberste Schicht ist milchig, als liege ein Schleier über dem Bild. Die Kunsthalle ist das Tor zur Außenwelt. Hier stellen auch Künstler von außerhalb des Hauses aus, das über die Grenzen von Treptow hinaus in Berlin bekannt ist.

Den Wert des Hauses für die Kunst betont auch der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick Oliver Igel (SPD). Er hat einen Brief an die Besitzer des Hauses geschrieben. Darin appelliert er an sie, mit den Künstlern über einen Kauf des Fabrikgebäudes zu verhandeln und deren Angebot „ernsthaft zu prüfen“.

Der Vorstand vom Verein Mengerzeile, Thomas Tuchel, der auch Künstler ist, berichtet, dass der Verein mehrere Angebote abgegeben habe. „Diese Angebote waren unserer Meinung nach sehr attraktiv, aber die Besitzer sind darauf nicht eingegangen“, sagt er.

Wichtiger Ort für Kommunikation

Tuchel will aber nicht aufgeben. „Wir werden als Gemeinschaft dafür kämpfen, den Standort Atelierhaus Mengerzeile zu erhalten“, sagt er. Er hat seit 16 Jahren sein Atelier im Haus. Zurzeit arbeitet er an einer Berlinserie. Grafisch, teilweise zweidimensional, erscheinen die Formen von Häusern und Berliner Mauer auf der riesigen Leinwand in seinem Atelier.

Die Verbindungen zwischen den Bewohnern sind ihnen wichtig. „Neulich habe ich mit einer Freundin im Haus bei einer Tasse Tee über ihre Bilder geredet“, berichtet die US-Amerikanerin Kate Hers Rhee. Auch wenn sie geteilter Meinung waren über die Wirkung der Bilder, habe sie das Gespräch doch sehr genossen. „Wenn ich arbeite, fühle ich mich als Einzelgängerin, doch es ist gut zu wissen, dass es nebenan jemanden gibt“, sagt Rhee, deren Wurzeln in Korea liegen.

Sie ist Video- und Foto-Künstlerin und zeigte bis Ende Mai Arbeiten in der IBB-Videolounge in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg. In ihren Werken geht es um Sprache und Identität. „Ich interessiere mich auch für feministische Aspekte“, sagt sie, zum Beispiel dafür, warum asiatische Frauen immer mit Sex assoziiert würden.

Rhee wohnt in Prenzlauer Berg und kommt meist mit dem Fahrrad nach Alt-Treptow. Erst schien es ihr weit entfernt, doch inzwischen gehört das Haus zu ihrem Berliner Radius. Was nun, wenn der Besitzer ernst macht und die Künstler sich neue Ateliers suchen müssen? Vereinschchef Thomal Tuchel verdreht die Augen. „Das bedeutet dann Klinken putzen, Räume suchen, Telefonnummern notieren, anrufen – das ist harte Arbeit.“ In seiner Stimme schwingt Frustration. „Wenn kein Wunder geschieht, bleibt uns noch ein Jahr“, sagt er.

Haus mit Geschichte:

1889

gründete der Tischler August Jaschinsky die Firma Hoepfner-Pianos. Er ließ das Fabrikgebäude an der Mengerzeile 1908 errichten, das anliegende Wohnhaus zur Bouchéstraße, in dem Angestellte der Fabrik und auch die Familie Jaschinsky wohnten, kurz darauf.

In den 1920er-Jahren

arbeiteten um die hundert Angestellte für die Jaschinskys. Nach Kriegsende wurden dort Möbel repariert und neue Möbel für Mitglieder der sowjetischen Besatzungsmacht produziert. Pianos wurden für den Export nach Schweden gebaut.

1956

wurde die Firma Hoepfner-Pianos von der Witwe des Firmengründers liquidiert. Von 1970 bis 1991 zog der VEB Deutsche Schallplatte mit Verkaufsstelle und Lager in das Fabrikgebäude in der Mengerzeile 1–3, vorher war dort die Verwaltung des HO-Kreisbetriebs Treptow.

Im Juli 1992

fand sich eine Gruppe von deutschen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlichster Disziplinen zusammen, die ein Fabrikgebäude am Schmollerplatz in Treptow bezog. Die Künstler zogen 1993 ins Atelierhaus Mengerzeile und gründeten den dortigen Verein.

Drei von 40 Künstlern aus der Mengerzeile: Thomas Tuchel, Kate Hers Rhee und Matthias Reinmuth (v. l.). Foto: BLZ/Paulus Ponizak/  Text von