Stimmen von Ehemaligen

Vom Atelierhaus Mengerzeile aus spinnt sich inzwischen ein weitläufiges Netz von "Ehemaligen" durch Berlin und darüber hinaus. Ob sie sich woanders mehr "Publicity" erhofften, im Wedding etwas Preiswerteres fanden, in Mitte näher zur Wohnung waren, Berlin verließen oder Galeristin wurden. Sie alle nehmen die Erinnerungen an ihre Zeit in der Treptower Mengerzeile mit …

Frederick Bollhorst im November 2007:

"Der tragisch-komische Kampf um einen gewissen Protagonisten herum eignet sich aus der Rückschau fast schon als fertiges Theaterstück – man müsste es mal aufschreiben ... ebenso die Mitgliederversammlungen. Ich finde es wundervoll, wenn KünstlerInnen aufeinandertreffen ... Am Ende aber würde ich sagen, dass mir die schönen Abende vor dem Atelier von Jens mit Bier und Würstchen am meisten gegeben haben. Manchmal vermisse ich diese wirkliche Sozialromantik sehr."

(Im Atelierhaus Ende der 90er Jahre, inzwischen Galerist)

www.galerie-bollhorst.de

 

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Ernst Handl im Juni 2008:

"Mit den Story Dealers haben wir dort zwei Aktionen vorbereitet. Das ,Subcity Fishing', ein fingierter Aale-Angelwettbewerb am Kudamm, und den ,Club der Unsterblichen'. Das war die Geschichte, wo Pshéu in einem riesengroßen Aquarium liegt, das wir mit einer zähen Flüssigkeit angefüllt haben, das sollte die Versteinerung simulieren. Unsere Geschichte spielte in Russland, in Nordsibirien, wir haben ein Schwarz-weiß-Foto gemacht, das sollte in einem russischen medizinischen Labor stattfinden. Wir haben Pshéu in der Mengerzeile auf diese Betonrampe gestellt, auf das Tor haben wir russische Buchstaben geklebt, so ein bisschen Rauch mit einer Nebelmaschine erzeugt und das dann fotografiert. Die Bilder haben wir an Pro7 geschickt, und die sind dann eingestiegen auf diese Story. Wir haben in Potsdam den ,Club der Unsterblichen' gegründet, da hat die Christiane Krüger noch bei uns mitgespielt. Irgendeine BZ-Reporterin hat dann allerdings recherchiert und Warnung gegeben, Vorsicht, da stimmt was nicht mit der Geschichte. Da hatten die aber schon Flüge gebucht, weil sie wissen wollten, wo diese versteinerten Leichen sind …

  

"Subcity Fishing" auf dem Kudamm, 1994

Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde: In der Mengerzeile gab es ja damals noch keine richtigen Wände, also Pshéu und ich haben da nur rumgezimmert mit irgendwelchen gefundenen Materialien. Der Raum im Erdgeschoss war ja ziemlich groß, und Pshéu machte eine Party für die Mengerzeile. Ich musste aber genau an diesem Tag ein Bild für eine Aktion malen. Das konnte ich nicht mehr rausschieben, ich musste dieses Bild am nächsten Morgen in einem Zustand haben, in dem man es mitnehmen konnte. Dann habe ich entschieden, okay, du lässt jetzt diese Party sein, und habe Pshéu gebeten, jetzt deck das mal so ab, dass niemand von vorn zu mir nach hinten kommt.

An dem Abend habe ich zum ersten Mal eine Party nur akustisch mitgekriegt. Ich hatte die Leinwand vor mir, stand auf einem Gerüst und malte. Dann habe ich ab 18 Uhr ungefähr, dumm, dumm, die ersten leisen Gespräche gehört. Es wurde immer lauter, immer lauter – whomm! Und dann um Mitternacht ein Wahnsinnswirbel. Ich musste mir das immer vorstellen, was da los war, hab das automatisch bebildert, was da hinter dieser dünnen Wand vor sich ging, mit diesen orgiastischen Geräuschen. Je später es wurde, umso gröliger, die Leute fingen an zu singen, es wurde immer exzessiver. Ich musste mich richtig disziplinieren und hab mir gesagt, wenn ich jetzt einmal vorgehe, dann kommen alle hier hinten gucken und schaun, was passiert, was malst du denn da? Und dann kriege ich diesen Verkehr nicht mehr geregelt, diese Ecke musste geschützt bleiben. Ich habe bis um fünf Uhr morgens durchgemalt und diese ganze Party schließlich abebben gehört. Das werde ich nie vergessen, diese ersten Eruptionen und wie das Ganze dann in sich zusammengefallen ist, drop out, die Akustikregler langsam runtergezogen, vereinzelte Bierflaschen sind umgefallen, ein wahnsinniges Hörspiel. Dann kam endlich der Morgen, und ich hatte das Bild so weit fertig …

Ernst Handl im Atelier, 2008

Und die Heizung – das war ja noch Steinzeit mit diesem Kohleofen. Da unten im Erdgeschoss haben wir das nie richtig warm gekriegt, ich glaube, als ich das Bild gemalt habe, war mir auch ziemlich kalt. Durch die Party ist es dann ein bisschen wärmer geworden.

Pshéu hat immer irgendwas gebaut, Wasserleitungen verlegt und so. Und alle Spülgeräusche, die sind bei uns unten immer knallhart angekommen. Die ganze Latrinenentsorgung der Mengerzeile habe ich irgendwie mitgekriegt. Tschhhh, brrr…

Der Sommer war prima, Winter war 'ne harte Zeit, da musste ich mich schon zwingen, rüberzugehen. Und dann noch irgendwelche Künstlerprobleme, das war mir zu viel.

Aber das ist lustig, mal wieder von der Mengerzeile zu hören, das war schon eine witzige Bande da."

 (Im Atelierhaus 1993-1994, seitdem in Kreuzberg)

www.ernestohandl.com / www.handlepictures.de

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Julia Hürter im Juni 2008:

"Ich kam 1994 nach Berlin und habe ein Atelier gesucht. Da rief ich einen Professor aus Braunschweig an, den Sartorius, und der meinte, die Beate Spalthoff ist in Berlin, und die kann dir sicher weiterhelfen. Und die hat mir dann auch weitergeholfen. Da war gerade Platz im Pferdestall, in diesem kalten Ding, aber irgendwie war's ja auch charmant. Im gleichen Raum haben noch Sofia Galanou und Takis Kaldis, die Griechen, gearbeitet, und Barbara Thumm war auch noch da. Allerdings mit den Gedanken schon halb bei ihrer Galerie und hing mehr am Telefon als vor der Leinwand. Zu der Zeit war das ja mit den Handys noch gar nicht so verbreitet, aber sie hatte schon eins und telefonierte ständig …

 

Standfotos aus "Sexy Sadie", 1995/ Mit freundlicher Genehmigung der  Badlands Film GmbH

 

Der Filmdreh von ,Sexy Sadie' im Atelierhaus: Die haben das Büro der Mengerzeile in einen Knast verwandelt, alles grau angestrichen und Gitter vors Fenster gehängt. Also ich fand das total faszinierend, wie schnell die gearbeitet haben. Die kamen zum Drehen, da war schon alles vorbereitet, und einen Tag später war das wieder weiß, rappizappi ging das. Na ja, beim Film ist Zeit ja Geld. Deshalb haben die auch von früh bis spät gedreht. Was ich auch toll fand, war das Catering, das war richtig gutes Essen. Ich habe gemalt an dem Tag, deshalb fiel für mich auch was ab. Da ist mir übrigens Corinna Harfouch auf der Toilette begegnet, wahnsinnig schöne Frau. Ich habe ja damals im ersten Stock im Pferdestall gearbeitet, und eine Szene wurde aus unserem Atelier raus in diesem Gang gefilmt, wo Jürgen Vogel sie mit vorgehaltener Pistole aus dem Knast entführt …

Die Ausstellung im Keller ,Inner Space' und der Kohlestaub: Da war im Haus mal ein Holländer, Harri Soetens, der hat 1995 im Keller eine Installation aufgebaut, "Inner Space", alles mit Asche verkleidet und verklebt. Die Ausstellung fand ich wunderschön. Wir hatten ja damals jede Menge Asche – ich meine, das war ja der Hammer, wie im vorletzten Jahrhundert, dass da morgens die Kohleheizer kamen und erst mal das ganze Haus anheizten, unglaublich. Im Pferdestall wurde es auch heiß, aber das ging alles gleich wieder raus, weil's überhaupt nicht isoliert war. Aber wir haben uns da erstaunlich wohl gefühlt, ich hatte ja einen ganz guten Kontakt zu Takis und Sofia aus Athen. Na ja, wir haben uns eben warm angezogen, und dann ging das auch. Ich fand das gar nicht schlecht, so in einem Gemeinschaftsatelier zu sein zu diesem Zeitpunkt. Wir hatten ja nicht mal Zwischenwände, und in dem mittleren Atelier herrschte ziemliche Fluktuation. Nach Barbara Thumm kam dann Matthias Storm, dann war da noch Matthias Herder. Aber immer dieser mittlere Platz, da gab es einen ständigen Wechsel. Dann war noch Jean Pierre Theile da, der hatte irgendwann seine riesigen Leinwände aufgespannt für ein großes Projekt, ein Auftrag vom Urban-Krankenhaus für 50.000 DM."

(Im Atelierhaus von 1994-1996, inzwischen in "Artists Village" Lichtenberg und Columbus, USA)

www.huerter.de

 

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Andrea Zaumseil im Mai 2008:

"Erste Begegnungen im Treppenhaus waren schön, herzlich, willkommen heißend, bleibende Freundschaften sind entstanden, gemeinsame Aktionen waren bereichernd, das Anlegen des Gartens beispielsweise. Feste groß und klein.

Die Selbstverwaltung war zwar manchmal nervraubend, aber trotzdem gut und richtig; Anne war die gute Seele des Hauses, ich habe sehr gerne und sehr konstruktiv in der Mengerzeile gearbeitet."

(Im Atelierhaus von 1997-2004, inzwischen Professur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle)

http://andrea-zaumseil.de

 

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Dietrich Schulze im Juni 2008:

"Unendliche Episoden, tolle Gespräche, kuriose Begebenheiten, eigenartige Menschen. Die beste und aufregendste Zeit war gleich zu Beginn, als wir die Fabrik entdeckten: Amiga-Schallplatten im zweiten Stock, wilde trunkene Partys, wüste Beschimpfungen, heiße Liebe … Im Grunde ist das hier doch eine soziale Skulptur, an der jeder rumformt."

 

1995: Dietrich Schulze im Büro mit Anne Lahr

(Im Atelierhaus von 1993-2004, inzwischen Leitung der Sparte Kunst, Tanz & Musiktheater in der Kunst- und Musikschule Bielefeld)

http://muku-bielefeld.de

 

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Gabriele Basch im Juni 2008:

"Leider bin ich eher vergesslich, was Anekdoten angeht. Aber äußerst kurzweilig war die Zeit mit Barbara Thumm und Eva Baumert im gemeinsamen Atelierraum. Insgesamt war der Austausch im Atelierhaus sehr rege …" 

(Im Atelierhaus 1993-1996, inzwischen Professur an der HAW Hamburg)

http://basch.de

 

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Robert Lucander im Juni 2008

"Im Haus waren sehr unterschiedliche Personen, also eine sehr bunte Palette ... Ich wollte mich auf meine Malerei konzentrieren, und ich durfte es auch."

(Im Atelierhaus Mengerzeile von 1998-2001, inzwischen Professur an der HdK Berlin)

www.cfa-berlin.com

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Monika Morsch im Juni 2008: 

"Was mir noch einfällt: Das Taubenmassaker, angerichtet von dem Falken, der im Schornstein lebte. Der Geruch von Druckfarben und Espressokaffee im Treppenhaus vor dem Atelier von Matthias Mansen. Beate und die kranke Luci. Anne, silbrig schimmernd im Büro. Marianne und die Zeichnung von den Krügen. Der Fernseher, der auf Deinen Finger gefallen ist …"

(Im Atelierhaus von 1996-1998)

www.monika-morsch.de

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Maik Scheermann, Sae Bom Lee im Winter 2011:

"Ich fand die Veranstaltungen im Amiga Club teilweise richtig gut. Die Gitarre und der Schrank, das war doch super. Mich hat das so an die Nachwendezeit erinnert, so von 1990-1992. Da gab's ja überall in Halle und Leipzig und natürlich auch in Berlin diese Wohnungspartys und Abrisshauspartys und Fabrikkellerpartys. Und ich lande zehn Jahre später im Amiga Club im Atelierhaus Mengerzeile, und da war genauso was. Da hat einer einen Teppich auf den Kellerboden gelegt, und ein anderer hat auf'm Schrank gespielt, daran muss ich beim Atelierhaus Mengerzeile immer denken. Klar, die netten Leute und die schönen Partys, die wir gefeiert haben, draußen sitzen, sich unterhalten, grillen. Die ersten Partys im Amiga Club mit Thomas Henriksson, das war einfach super."

"Miau, miau, miau!"

(Im Atelierhaus 2004-2009, inzwischen im Wedding)

www.lee-scheermann.com

 

Auszüge aus dem Jubiläumsbuch "Berliner Künstlerhäuser – 20 Jahre Atelierhaus Mengerzeile 1993-2013", 2013