Historisches

Das Haus

Der Tischler August Jaschinsky (1849-1936), Gründer der Firma Hoepfner-Pianos (1880), ließ das Fabrikgebäude an der Mengerzeile in Berlin-Treptow, angrenzend an Neukölln, 1908 errichten, das anliegende Wohnhaus zur Bouchéstraße, in dem Angestellte der Fabrik und auch die Familie Jaschinsky wohnten, kurz darauf. Drei Jahre nach Ansiedlung des Unternehmens in Berlin-Treptow übernahm der Sohn Oskar die Leitung der Pianofabrik. In den "Goldenen Zwanzigern" arbeiteten um die hundert Angestellte für die Jaschinskys.

 

Im Zuge der wirtschaftlichen Depression der 1930er-Jahre war die Geschäftsleitung zu Einsparungen gezwungen und vermietete einzelne Etagen an andere Handwerksbetriebe. Für die Pianofabrikation wurden nur noch die Räume im Hochparterre und im zweiten Stock genutzt sowie Schuppen zur Lagerung. Die Ehefrau Oskar Jaschinskys eröffnete einen Reparaturdienst und besserte mit ihrem "Pianohandel Johanna Jaschinsky" das Einkommen der Firma auf, trotzdem schrumpfte der Betrieb bis auf zwanzig Mitarbeiter. Während des Zweiten Weltkriegs ließ Oskar Jaschinsky Kleiderschränke für das Rote Kreuz bauen.

Nach Kriegsende übernahmen die Werkstätten Reparaturen von beschädigten Möbeln und Neuanfertigungen für Mitglieder der russischen Besatzung. Pianos wurden für den Export nach Schweden gebaut. Nach der Aufteilung Deutschlands in Alliierte Zonen und der Ziehung der Ost-West-Grenze war die direkte Verbindung aus Treptow, das zum Berliner Osten gehörte, zu wichtigen Rohstofflieferanten im Westen abgeschnitten. Um Aufträge aus dem Westsektor nicht zu verlieren, gründete Rosemarie Jaschinsky, eine der beiden Töchter der Jaschinskys, ihre eigene Firma in Berlin-Neukölln am Weigandufer. Ende 1949 wurde unter der DDR-Regierung eine Kooperation von Ost- und Westbetrieben gesetzlich untersagt und Rosemarie Jaschinsky konnte den Betrieb des Vaters nur noch mit Kleinmaterial versorgen, das im Ostteil der Stadt fehlte.

 

1956, nach dem Tod Oskar Jaschinskys, wurde die Firma Hoepfner-Pianos von der Witwe Johanna Jaschinsky liquidiert. Von 1970 bis 1991 zog der VEB Deutsche Schallplatte mit Verkaufsstelle und Lager in das Fabrikgebäude in der Mengerzeile 1-3, nachdem bis dahin die Verwaltung des HO-Kreisbetriebs Treptow mit Büros und Lager im Haus gewesen war.

 

Die MieterInnen

Im Juli 1992 fand sich eine Gruppe von deutschen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlichster Disziplinen und ästhetischer Konzepte zusammen, die ein Fabrikgebäude am Schmollerplatz in Treptow, angemietet von der Atelier-GmbH des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) Berlins, bezog. Alle hatten eines gemeinsam: Sie waren von Atelierkündigungen oder extremen Mieterhöhungen betroffen bzw. produzierten ihre Kunst zu Hause in engen räumlichen Verhältnissen und suchten dringend einen bezahlbaren Arbeitsraum.

Innerhalb kurzer Zeit hatte sich dort ein Zentrum lebendiger Kreativität entwickelt, und der größte Teil der Künstlerinnen und Künstler wollte aufgrund dieser Erfahrung gegenseitiger Inspiration und Dynamik die Gruppe erhalten. Das Gebäude am Schmollerplatz – der Nutzungsvertrag sah nur ein Jahr vor – wurde im September 1993 abgerissen, um Platz für den Wohnungsbau zu schaffen. Die Künstlergruppe begann bereits lange vor dem Auszug nach einem neuen Objekt zu suchen und fand dies in direkter Nachbarschaft in der Mengerzeile 1-3: eine alte Pianofabrik, die während der DDR-Regierungszeit lange als Lager und Verkaufsstelle des VEB Deutsche Schallplatte genutzt worden war. Nach dem Auszug der Schallplatten GmbH 1991, die aus dem VEB Deutsche Schallplatte hervorgegangen war, stand das Haus bis auf eine Büroetage im vierten Stock, das eine Künstlerin gemietet hatte, seit einem Jahr leer. Das Gebäude war in akzeptablem baulichen Zustand, aber sehr reparaturbedürftig, und bot genug Raum für die Künstlergruppe, konnte sogar noch weitere Ateliersuchende aufnehmen.

 

Durch die Atelier-GmbH des Kulturwerks im BBK Berlin wurde das vierstöckige Haus mit ausgewiesenen 2201 Quadratmetern Nutzfläche, angrenzender Remise und Garagen von der Wohnungsbaugesellschaft "Stadt und Land" angemietet und am 1.Juli 1993 bezogen. Die KünstlerInnen ließen die alte Heizungsanlage instand setzen, entrümpelten und renovierten Räume, zogen Wände und führten notwendige Reparaturen aus. Innerhalb kürzester Zeit entstanden Ateliers, die je nach Bedarf und Finanzkraft der MieterInnen 15 bis 180 Quadratmeter umfassten. (Im Laufe der Jahre wurden die großen Ateliers aus finanziellen Gründen weiter aufgeteilt.)

Um die eigenen Interessen vor der Öffentlichkeit optimal vertreten zu können, gründete die Künstlergruppe im Oktober 1993 den Verein "Mengerzeile e .V.", der bei Aufbau und Instandsetzungsarbeiten finanzielle Hilfestellung vom Bezirksamt Treptow sowie anfangs Unterstützung der damaligen Hausverwaltung GSE erhielt.

 

Der Verein

Ziel des Vereins ist neben dem Erhalt bezahlbarer Ateliers die Förderung von Kunst und kultureller Infrastruktur auf kommunaler Ebene sowie landesweit und der nationale und internationale Künstleraustausch. Das 1994 im Haus eingerichtete Gastatelier und der seit 2001 regelmäßige Ausstellungsbetrieb in der hauseigenen Kunsthalle M3 gehört daher zum wichtigen Bestand des Atelierhauses Mengerzeile, ebenso wie die Präsentation der KünstlerInnen und ihrer Arbeiten im Rahmen der Hausausstellungen "Housesalon" sowie der "Offenen Ateliers".

1994 stellte sich der Verein Mengerzeile der Öffentlichkeit mit einer kleinen Broschüre vor, für die der damalige Senator für Kulturelle Angelegenheiten das Vorwort schrieb:

"In einer Zeit des immer größeren Ateliernotstandes in Berlin ist es einer Gruppe deutscher und internationaler Künstlerinnen und Künstler gelungen, in Eigeninitiative und Selbsthilfe ein neues Atelierhaus in Berlin zu schaffen.

Seit seiner Eröffnung im Juli 1993 ist das Atelierhaus Mengerzeile ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung mit der Kunst, an welchem das Ziel des Vereins Mengerzeile – den nationalen und internationalen Künstleraustausch zu fördern – erfolgreich praktiziert wird.

Ich möchte an dieser Stelle den Künstlerinnen und Künstlern meinen persönlichen Dank für ihr Engagement aussprechen und meinem Wunsch Ausdruck verleihen, daß trotz der schwierigen Zeit dieses sehr förderungswürdige und beispielhafte Projekt auf Dauer gesichert wird."

Ulrich Roloff-Momin


Gegenwärtig besteht der Verein Mengerzeile aus 38 internationalen Kreativen, Künstlerinnen und Künstlern, die im Atelierhaus arbeiten.