2014_ Berliner Abendblatt - Bedrohte Kunst in Alt-Treptow - 05.07.14

Verdrängung: Atelierhaus Mengerzeile sucht einen neuen Standort

Das Atelierhaus Mengerzeile feiert am 5. Juli sein 21-jähriges Bestehen. Wenn es nach den neuen Eigentümern ginge, müssten die 40 Künstler an diesem Tag ihre Sachen packen.

Bereits Anfang 2013 bekundeten sie ihr Interesse am Kauf des Hauses. Sie führten Gespräche mit der Stiftung Edith Maryon, der GLS-Bank und einer Wohnungsbaugenossenschaft. Dann verstarb die Eigentümerin und die Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft nahmen ein jähes Ende. Trotz des dem handelsüblichen Verkehrswert entsprechenden Kaufangebots seitens der Mieter. „Bis heute blocken sie jeden Kontaktversuch ab. Dabei war es ein ausdrücklicher Wunsch der alten Dame, dass das Atelierhaus erhalten bleibt“, berichtet Eva Noack, Vorstandsmitglied des Vereins Mengerzeile. Im Januar dieses Jahres flatterte die Kündigung ins Haus. Deren Frist endet an diesem Samstag. Über einen Anwalt haben die Bewohner Widerspruch eingelegt.

Politisches Versagen. Bernhard Kotowksi, Geschäftsführer des Berufsverbandes bildender Künstler Berlin (bbk berlin), sieht wenig Hoffnung für das Haus: „Der Verlust dieses außenwirksamen Kulturstandortes wäre eine Katastrophe.“ In Oberschöneweide gebe es noch bezahlbare Flächen, doch die Gentrifizierung erfasse zunehmend den Bezirk. „Es ist kein kulturpolitisches, sondern ein gesamtpolitisches Versagen des Landes“, sagt er. Seit 15 Jahren habe der Senat keine Stadtentwicklungspolitik betrieben und mit dem hemmungslosen Verkauf von Landesimmobilien den Spekulationsprozess angefeuert: „Erst ist es die Verdrängung von Kunst und Kultur. In zehn Jahren werden in Treptow-Köpenick nur noch Besserverdienende leben.“ Für den Senat gebe es nur eine Option: eine landeseigene Fläche für das Atelierhaus Mengerzeile. Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) haben sie auf ihrer Seite. Er hat sich schriftlich an die Eigentümer gewandt. Bislang gebe es noch keine Antwort, bestätigt

das Bezirksamt.

Die Künstler wollen nach wie vor kaufen, sei es privat oder öffentlich. Ideal wäre ein Objekt mit bis zu 3.000 Quadratmetern innerhalb des S-Bahn-Rings. Florian Schmidt, Atelierbeauftragter des bbk berlin, winkt ab: „Der Ateliernotstand in der Innenstadt ist so stark, dass die Künstler gezwungen sind, in die Außenbezirke abzuwandern.“ Deshalb stehen für die Künstler auch Tempelhof, Oberschöneweide, Lichtenberg und Marzahn zur Debatte: „Der Verein ist eine gewachsene Struktur aus internationalen Künstlern. Wir wollen zusammenbleiben“, sagt Vorstandsmitglied Karsten Krause. Gerade läuft die Zusammenarbeit mit den Quartiersmanagements an. Selbst eine leerstehende Schule wäre eine ziemlich gute Option, denn „sollte die Kündigung der Erbengemeinschaft ungültig sein, kann der Vermieter im Dezember erneut kündigen. Im Juni 2015 hätten wir wieder das

gleiche Problem“.

Trotz der ungewissen Lage lädt das Künstlerhaus an diesem Samstag zum Sommerfest. Ab 17 Uhr können sich Anwohner über die Zukunft des Kulturstandortes informieren und eine Ausstellung besuchen.

Josephine Klingner / Bild: Josephine Klingner

http://www.abendblatt-berlin.de/2014/07/05/bedrohte-kunst-in-alt-treptow/